Online mit Gott

Was bei der filmischen Erstellung eines Gottesdienstes alles passieren kann

„Noch etwas weiter links – danke!“ David führt Regie und dirigiert mich in die richtige Position für die Kamera. Es ist 17 Uhr. Heute nehmen wir zwei Andachten auf. Unsere Erfahrung sagt: Eine komplette Gottesdienstliturgie ist für das schnelllebige Internet nicht geeignet. Die Klickzahlen bei YouTube gingen nach dem ersten Online-Gottesdienst zurück. Nun arbeiten wir uns mit einer maximal 20minütigen Andacht wieder in Richtung Dreistelligkeit in der Abrufstatistik.

Eine Kirche, in die 200 Menschen passen, aber nicht reindürfen. Deshalb muss ich in eine unpersönliche Kamera sprechen. Um mich herum Scheinwerfer für das richtige Licht. Alles ist auf Altar und Ambo fokussiert. Eingeengt zwischen Kamera und Mikrofon. Dabei gäbe es doch so viel zu sagen. Ich beginne mit der Begrüßung: „Liebe Online-Gemeinde!“ und dann geht es weiter mit Wochenspruch und Tagesthema. Im Anschluss ein Gebet. Dann die Predigt. Zum Schluss wie gewohnt Fürbitten, Vater Unser und Segen. Während der Fürbitten blenden wir einen Spendenlink ein, weil die Kollekten auch entfallen.

Während der Fürbitten vibriert meine Smartwatch am Handgelenk. Ein Anruf. Aus den bekannten Gründen kann ich den Anruf unseres Organisten gerade nicht entgegennehmen. Ich werde ihn später anrufen. Er wird mir sagen, dass er die Orgeln vermisst und einmal pro Woche jede unserer drei Orgeln spielt. So wie früher – also so wie vor sechs Wochen. Er hat einige Stücke eingespielt, die David im Anschluss hinzufügt. Orgelmusik aus der Konserve sozusagen, aber unter den gegebenen Umständen gut. Wir vereinbaren noch, dass wir weitere Stücke brauchen.

Die Aufnahme der Andachten fordert mich. Es gibt keine Reaktion aus der Gottesdienstgemeinde, die mich leitet und auf die ich schauen kann. Es gibt keine Lieder, die für eine kurze Unterbrechung sorgen und mich Atem holen lassen. Eingeengt zwischen Kamera und Mikrofon eben. Ich verspreche ich mich zweimal. David muss deshalb am Computer nacharbeiten. „Der Herr segne dich und behüte dich …“ – ich spreche den aaronitischen Segen in eine leere Kirche. Gesegnete Mattscheibe sozusagen. Die erste Andacht ist im Kasten. Gott sei Dank gibt es diese Möglichkeiten, wenn sie auch ungewohnt sind. Ich freue mich, auf diesem Weg die Gemeinde zu erreichen.

In der Mitte des vorletzten Satzes der zweiten Predigt gehen plötzlich die Scheinwerfer aus. Die Kerzen auf dem Altar brennen noch. Zeugen aus der richtigen Gottesdienstwelt. „Hätten wir mal die Kabeltrommel am Anfang abgerollt!“ höre ich David leise vor sich hin schimpfen, während er die Kabeltrommel abrollt und feststellt, dass eine Sicherung den Dienst eingestellt hat. Wir verständigen uns darauf, übermorgen weiterzumachen. Dann sind die heißen Kabel wieder abgekühlt. Zwei weitere Andachten stehen an – und dazu rollen wir ganz bestimmt die Kabeltrommel direkt zu Beginn ab!

Jochen Krause ist Prädikant in der Evangelischen Kirchengemeinde Bislich-Diersfordt-Flüren. David Anker leitet das Technikteam der Kirchengemeinde. Beide arbeiten ehrenamtlich.